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Warum agile Softwareentwicklung Projekte schneller ans Ziel bringt

· 9 Minuten Lesezeit
Alexander Röse
Softwareentwickler

Warum Geschwindigkeit im Projekt keine Frage der Arbeitsstunden ist

Die meisten Softwareprojekte scheitern nicht daran, dass zu langsam programmiert wird. Sie scheitern daran, dass zu lange am falschen Ding gearbeitet wird. Genau hier liegt der eigentliche Vorteil agiler Entwicklung. Nicht die einzelne Aufgabe wird schneller erledigt, sondern der Weg vom ersten Gespräch bis zur nutzbaren Lösung wird kürzer, weil Missverständnisse früh auffallen und nicht erst bei der Abnahme.

Agile Entwicklung heißt, in kleinen Schritten zu liefern, nach jedem Schritt gemeinsam zu schauen, ob das Ergebnis stimmt. Danach wird die nächste Runde daran ausgerichtet. Der Kunde sieht nicht nach sechs Monaten zum ersten Mal Software, sondern nach zwei Wochen. Und das verändert die Geschwindigkeit eines Projekts mehr als jedes Werkzeug.

Der Unterschied zum Wasserfallmodell

Im klassischen Wasserfallmodell laufen die Phasen nacheinander ab. Erst wird die Anforderung vollständig erhoben, dann konzipiert, dann entwickelt, dann getestet, dann übergeben. Jede Phase wird abgeschlossen, bevor die nächste beginnt. Das hat einen echten Vorteil. Man weiß früh, was am Ende herauskommen soll, was es kostet und wann es fertig ist.

Der Preis dafür ist, dass die Annahmen aus dem ersten Monat bis zum letzten Monat halten müssen. In der Praxis tun sie das selten. Der Markt bewegt sich, ein Wettbewerber liefert eine Funktion, eine Schnittstelle beim Partner ändert sich. Oder das eigene Team merkt beim ersten Ausprobieren, dass ein Ablauf im Alltag anders funktioniert als im Konzept. Im Wasserfall wird daraus ein Änderungsantrag mit neuer Abstimmungsrunde. Agil wird daraus schlicht der Inhalt des nächsten Sprints.

Agil ist damit nicht automatisch besser. Es verschiebt die Sicherheit nur an eine andere Stelle. Wasserfall gibt Planungssicherheit über den Umfang. Agil gibt Sicherheit darüber, dass das Gelieferte tatsächlich gebraucht wird.

Neue Anforderungen sind kein Störfall

In fast jedem Projekt entstehen unterwegs Anforderungen, an die zu Beginn niemand gedacht hat. Ein Kunde sieht die erste Version des Buchungsprozesses und merkt, dass seine Mitarbeitenden eine Übersicht über offene Vorgänge brauchen. Eine Auswertung, die auf dem Papier nach einem netten Extra aussah, stellt sich als der wichtigste Bildschirm des Tages heraus.

Im agilen Vorgehen ist das kein Problem, sondern der Normalfall. Neue Anforderungen kommen ins Backlog, werden bewertet, priorisiert und landen in einer der nächsten Iterationen. Nichts muss umgeworfen werden, es wird neu sortiert. Wichtig ist dabei die Priorisierung. Wenn etwas Neues nach vorne rückt, rückt etwas anderes nach hinten. Das ist die ehrliche Version von Flexibilität. Alles gleichzeitig und trotzdem zum ursprünglichen Termin geht auch agil nicht.

Regelmäßigkeit ist wichtiger als Tempo

Damit das dauerhaft funktioniert, braucht es einen festen Takt. In unseren Projekten ist das meistens ein wöchentlicher Termin, in dem der aktuelle Stand gezeigt, Feedback eingesammelt und die nächste Woche festgelegt wird. Dieser Termin ist bewusst kurz und findet auch dann statt, wenn es scheinbar wenig zu besprechen gibt. Genau diese Regelmäßigkeit sorgt dafür, dass ein Projekt nicht wochenlang in eine falsche Richtung läuft.

Daneben braucht es die Möglichkeit für kurzfristige Abstimmungen. Wenn beim Entwickeln eine Frage auftaucht, deren Antwort über einen halben Tag Arbeit entscheidet, wartet man damit nicht bis zum nächsten Weekly. Ein kurzer Anruf oder eine Nachricht mit einem Screenshot löst das in fünf Minuten. Der feste Termin gibt dem Projekt Struktur, die spontanen Abstimmungen geben ihm Tempo. Beides zusammen ist der Kern der engen Zusammenarbeit zwischen Fachexperten und Entwicklern.

Nachhaltig wird das Ganze dadurch, dass das Team regelmäßig darüber spricht, wie es besser arbeiten kann. Was hat im letzten Abschnitt gehakt, welche Abstimmung war überflüssig, wo ist Aufwand entstanden, der sich vermeiden lässt. Diese Reflexion ist kein Selbstzweck. Sie ist der Grund, warum agile Teams über die Projektdauer eher schneller als langsamer werden.

Die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren

Einer der wertvollsten Sätze aus dem agilen Manifest lautet sinngemäß, dass Einfachheit die Kunst ist, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren. Gemeint ist damit nicht Faulheit, sondern Fokus.

In sehr vielen Projekten wird Funktionalität gebaut, die später kaum jemand benutzt. Sie stand im Konzept, also wurde sie umgesetzt. Sie kostet Entwicklungszeit, sie kostet Testaufwand und sie kostet danach dauerhaft Wartung. Wer stattdessen in kleinen Schritten liefert und nach jedem Schritt prüft, was wirklich gebraucht wird, spart sich einen erheblichen Teil dieser Arbeit. Das ist einer der Hauptgründe, warum agile Projekte oft schneller zu einem nutzbaren Ergebnis kommen. Nicht weil mehr gearbeitet wird, sondern weil weniger Überflüssiges entsteht.

Scrum, Kanban und XP

Agil ist ein Rahmen, keine feste Vorschrift. In der Praxis haben sich vor allem drei Ausprägungen durchgesetzt.

Scrum arbeitet mit festen Sprints, klaren Rollen und wiederkehrenden Terminen. Es passt gut, wenn ein Produkt über einen längeren Zeitraum weiterentwickelt wird und es einen Verantwortlichen gibt, der die Prioritäten setzt.

Kanban macht den Arbeitsfluss sichtbar und begrenzt, wie viele Aufgaben gleichzeitig laufen dürfen. Es passt gut für Wartung, Support und Weiterentwicklung im laufenden Betrieb, wo Aufgaben unregelmäßig hereinkommen.

Extreme Programming legt den Schwerpunkt auf die technische Handwerkskunst, also auf automatisierte Tests, kontinuierliche Integration und gemeinsames Arbeiten am Code. Es passt gut, wenn die Software langlebig sein soll und häufig geändert wird.

In vielen Projekten ist die sinnvollste Antwort eine Mischung. Ein wöchentlicher Takt aus Scrum, ein Board aus Kanban und die Testdisziplin aus XP bringen oft mehr als die reine Lehre einer einzelnen Methode.

Wo Agilität an ihre Grenzen stößt

Der offensichtlichste Nachteil ist die geringere Vorhersehbarkeit. Wer zu Beginn eine verbindliche Aussage über Gesamtumfang, Endtermin und Festpreis braucht, bekommt sie im Wasserfall leichter. Agil lässt sich zwar sehr gut über Budget und Zeitraum steuern, der genaue Funktionsumfang am Ende steht aber nicht am Anfang fest. Für Ausschreibungen, feste Abnahmekriterien oder regulatorisch getriebene Projekte kann das ein echtes Hindernis sein.

Der zweite Punkt betrifft die Rolle des Auftraggebers. Agil funktioniert nur, wenn es auf Kundenseite jemanden gibt, der erreichbar ist, entscheiden darf und diese Entscheidungen im eigenen Unternehmen auch durchsetzen kann. Wenn jede Rückfrage drei Wochen in Gremien liegt, verliert das Vorgehen genau den Vorteil, wegen dem man es gewählt hat.

Der dritte Punkt wird häufig unterschätzt. Selbstorganisation und Autonomie sind für erfahrene Teams ein Gewinn. Für Beteiligte mit wenig Projekterfahrung können sie zur Überforderung werden, weil Orientierung fehlt, die im klassischen Modell der Plan vorgegeben hat. Agil braucht deshalb mehr Führung, nicht weniger. Sie sieht nur anders aus.

Der teuerste Irrtum beim agilen Arbeiten

Der Fehler, den wir am häufigsten sehen, ist ein Missverständnis des Begriffs. Agil wird verstanden als "wir entscheiden das später" oder "wir können jederzeit alles ändern". Gemeint ist aber etwas anderes. Agil heißt, in kleinen Schritten zu ändern und dabei die Richtung anzupassen. Es heißt nicht, nach vier Monaten das halbe Projekt umzuwerfen.

Vor allem ersetzt Agilität nicht die technische Weitsicht bei den grundlegenden Entscheidungen. Fragen wie Plattform, Architektur und das System im Hintergrund sind Weichen, die man nicht in jedem Sprint neu stellen kann.

Ein Beispiel aus unserem Alltag. Ein Kunde möchte eine einfache Webseite. Ein paar Seiten, ein Kontaktformular, ein Blog. Für genau diesen Bedarf ist ein Website-Baukasten oft die wirtschaftlich richtige Entscheidung. Schnell online, günstig im Betrieb, selbst pflegbar.

Ein halbes Jahr später kommt die Anfrage, dass man jetzt auch einen Shop mit Warenkorb, Zahlungsarten und Lagerbestand braucht. Und weil das Projekt ja "agil" läuft, klingt das nach einer weiteren Anforderung, die einfach ins nächste Paket wandert. Technisch ist es das nicht. Je nach Baukasten lässt sich ein solches Shopsystem nicht sauber ergänzen. Dann bleiben zwei unschöne Wege. Entweder ein externer Shop auf einer zweiten Domain mit doppelter Pflege und gebrochenem Nutzererlebnis. Oder ein Umzug der gesamten Seite auf eine andere Basis, wodurch ein Teil der bisherigen Arbeit noch einmal anfällt.

Verursacht hat das nicht die agile Arbeitsweise. Verursacht hat es die fehlende Frage am Anfang, nämlich was in den nächsten zwei Jahren dazukommen könnte. Deshalb steht bei uns vor dem ersten Sprint immer ein Gespräch über die Richtung. Nicht über jedes Detail, aber über die Punkte, die man später nicht mehr billig ändern kann. Kleine Entscheidungen bleiben offen und flexibel. Die großen werden bewusst getroffen.

Wann agil, wann klassisch

Agil ist die richtige Wahl, wenn das Ziel klar, der Weg dorthin aber noch offen ist. Wenn echte Nutzer früh Feedback geben können. Wenn das Produkt nach dem Start weiterlebt und weiterentwickelt wird. Wenn der Markt sich schneller bewegt, als ein Lastenheft geschrieben werden kann. Individuelle Geschäftsanwendungen, Portale, Apps und Plattformen fallen fast immer in diese Kategorie.

Klassisch geplant wird sinnvollerweise dort, wo der Umfang von außen feststeht und sich kaum ändert. Eine Migration mit klar definiertem Zielsystem, eine gesetzlich vorgegebene Schnittstelle, ein abgegrenzter Auftrag mit festem Endtermin und Festpreis. Hier bringt Iteration wenig, weil es nichts zu entdecken gibt.

Und sehr oft ist die beste Antwort eine Kombination. Der Rahmen wird zu Beginn festgelegt, also Architektur, Plattform, Budget und grobe Roadmap. Die Umsetzung darin läuft agil.

Wie das in der Praxis aussieht

Ein typisches Projekt bei uns beginnt mit einem Workshop, in dem wir die Abläufe im Unternehmen verstehen und gemeinsam festlegen, welcher Ausschnitt zuerst echten Nutzen bringt. Daraus entsteht eine erste lauffähige Version, die bewusst schmal ist. Danach folgt der wöchentliche Takt aus zeigen, Feedback aufnehmen, priorisieren und weiterbauen. Dazwischen kurze Abstimmungen, wenn eine Frage nicht warten kann.

Der Effekt ist, dass die ersten Mitarbeitenden oft schon mit der Software arbeiten, während andere Bereiche noch entstehen. Genau daraus entstehen die besten Anforderungen, weil sie aus dem echten Alltag kommen und nicht aus einer Annahme im Konzept. Und wenn sich unterwegs etwas am Markt oder im Unternehmen ändert, ist die nächste Woche der frühestmögliche Zeitpunkt, an dem das im Produkt ankommt.

Fazit

Agile Softwareentwicklung führt in der Zusammenarbeit mit dem Kunden schneller zu einem nutzbaren Ergebnis, weil Feedback früh kommt, Änderungen ohne Reibungsverlust in den Prozess einfließen und weniger Überflüssiges gebaut wird. Der Preis dafür ist weniger Vorhersehbarkeit im Detail und ein höherer Anspruch an Verfügbarkeit und Entscheidungsfreude auf beiden Seiten.

Am besten funktioniert Agilität dort, wo sie mit technischer Weitsicht kombiniert wird. Kleine Dinge unterwegs anpassen, große Weichen bewusst am Anfang stellen. Wer beides zusammenbringt, bekommt Software, die schnell nutzbar ist und trotzdem noch trägt, wenn die Anforderungen von morgen dazukommen.

Sie planen ein Softwareprojekt und sind unsicher über das passende Vorgehen? Sprechen Sie mit uns. Wir schauen uns Ihre Ausgangslage an und sagen Ihnen ehrlich, wo agiles Arbeiten Ihnen Zeit spart und wo eine klare Planung im Vorfeld die bessere Wahl ist.

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