Zum Hauptinhalt springen

Von manuellen Abläufen zu intelligenten KI-Workflows

· 8 Minuten Lesezeit
Alexander Röse
Softwareentwickler

Ein Prozess aus fast jedem Unternehmen

Eine Rechnung kommt per E-Mail herein, meistens als PDF im Anhang. Jemand öffnet sie, liest Rechnungsnummer, Betrag, Steuersatz und Lieferant heraus und tippt die Angaben in ein System. Danach wird geprüft, ob Betrag und Bestellung zusammenpassen. Dann geht die Rechnung an die Buchhaltung, oft als weitergeleitete Mail mit einem kurzen Kommentar.

Dieser Ablauf dauert pro Rechnung vielleicht sechs Minuten. Bei zweihundert Rechnungen im Monat sind das zwanzig Stunden, in denen niemand etwas entscheidet, sondern nur Daten von einem Ort an einen anderen bewegt. Genau solche Abläufe lassen sich heute weitgehend automatisieren und das ohne Großprojekt.

Wie derselbe Ablauf automatisiert aussieht

Automatisiert besteht der Vorgang aus wenigen klar getrennten Schritten.

  1. Der Eingang wird überwacht. Sobald eine Mail mit Anhang in einem bestimmten Postfach landet, startet der Ablauf.
  2. Die relevanten Daten werden ausgelesen. Ein KI-Modell erkennt Rechnungsnummer, Datum, Betrag, Steuersatz und Lieferant, auch wenn jedes Dokument anders aufgebaut ist.
  3. Die Angaben werden geprüft. Gibt es eine passende Bestellung, stimmt der Betrag, ist der Lieferant bekannt, wurde die Rechnungsnummer schon einmal verarbeitet.
  4. Ein Mensch schaut drauf. Das Team bekommt eine Karte oder eine Nachricht mit den erkannten Werten und dem Originaldokument daneben und bestätigt oder korrigiert.
  5. Die Rechnung wird übergeben. Nach der Freigabe wandert sie mit sauberen Daten in die Buchhaltung, revisionssicher abgelegt und protokolliert.

Der vierte Schritt ist der wichtigste. Automatisierung heißt nicht, dass niemand mehr hinschaut. Sie heißt, dass der Mensch nur noch entscheidet und nicht mehr abtippt. Aus sechs Minuten Arbeit werden zwanzig Sekunden Kontrolle.

Die Werkzeuge dafür

Für genau solche Abläufe gibt es Automatisierungsplattformen. Man baut den Ablauf grafisch zusammen, Schritt für Schritt, während die Plattform sich um Auslöser, Wiederholungen bei Fehlern und die Verbindungen zu den beteiligten Systemen. Drei sind im Mittelstand relevant.

n8n ist unser Favorit für ernsthafte Automatisierung. Man kann es selbst hosten, die Daten bleiben also im eigenen Haus oder auf einem Server in Deutschland. Änderungen sind versioniert und nachvollziehbar, man sieht also, wer wann welchen Schritt verändert hat. Berechtigungen lassen sich fein steuern, sodass die Buchhaltung ihre Abläufe sieht und der Vertrieb seine. Und wenn ein Schritt in der Plattform nicht abbildbar ist, kann man an dieser Stelle eigenen Code einsetzen, statt den ganzen Ablauf zu verwerfen.

Zapier hat die größte Auswahl an fertigen Verbindungen zu bekannten Cloud-Diensten. Wenn es darum geht, zwei verbreitete Werkzeuge schnell zu koppeln, ist man dort in einer Viertelstunde fertig. Bei verzweigter Logik und größeren Datenmengen wird es dagegen schnell unübersichtlich und teuer.

Make liegt dazwischen. Die Darstellung ist sehr visuell, komplexere Verzweigungen und Datenumformungen lassen sich gut abbilden. Wie Zapier läuft es ausschließlich als Cloud-Dienst, die Daten verlassen also das eigene Haus.

Warum die grafische Darstellung mehr wert ist, als sie aussieht

Der größte Vorteil dieser Plattformen ist nicht die Technik, sondern die Sichtbarkeit. Ein Ablauf ist dort eine Kette aus Kästchen mit Verbindungslinien. Man kann ihn im Meeting auf den Bildschirm werfen und jeder im Raum versteht, was passiert.

Man zeigt auf den ersten Kasten und sagt, hier kommt die Mail rein. Auf den zweiten, hier entscheidet ein KI-Modell, ob es eine Anfrage, eine Beschwerde oder eine Rechnung ist. Auf den dritten, hier wird der Lead im CRM angelegt oder aktualisiert. Auf den vierten, hier liest die KI den Angebotswert aus dem PDF und leitet ab einer bestimmten Summe direkt an die Vertriebsleitung weiter. Diese Diskussion können Sie mit Ihrer Buchhaltung führen, mit dem Vertrieb, mit der Geschäftsführung. Niemand muss dafür Code lesen können.

Daraus folgt der zweite Vorteil. Die Fachbereiche können mitarbeiten. Wer den Prozess täglich macht, kennt die Sonderfälle besser als jeder Entwickler. In einem sichtbaren Ablauf kann er sie benennen und oft auch selbst nachjustieren. Kleine Anpassungen brauchen dann kein Ticket und keinen Termin.

Der dritte Vorteil ist die Geschwindigkeit. Ein erster funktionierender Ablauf entsteht an einem Nachmittag, nicht in einem Quartal. Man sieht sofort, ob die Idee trägt. Danach kann man sie ausbauen oder verwerfen, ohne viel investiert zu haben.

Wo KI im Ablauf wirklich hilft

KI ist in diesen Workflows kein Selbstzweck, sondern ein einzelner Schritt unter vielen. Sie übernimmt die Aufgaben, für die feste Regeln nie gereicht haben.

Beim Auslesen unstrukturierter Dokumente. Jede Rechnung und jedes Angebot sieht anders aus, ein Modell erkennt die Werte trotzdem zuverlässig.

Beim Einsortieren. Eingehende Mails werden nach Anliegen, Dringlichkeit und Zuständigkeit klassifiziert und landen direkt beim richtigen Team.

Beim Zusammenfassen. Aus einem langen Mailverlauf entsteht eine Notiz im CRM, die der Vertrieb vor dem nächsten Anruf in zehn Sekunden liest.

Beim Vorbereiten von Antworten. Ein Entwurf entsteht automatisch, ein Mensch prüft ihn und schickt ihn ab.

Interessant wird es, wenn nicht mehr jeder Schritt fest verdrahtet ist. Ein KI-Agent bekommt ein Ziel und eine Auswahl an Werkzeugen und entscheidet selbst, welche Schritte er in welcher Reihenfolge geht. Er kann im ERP nachschlagen, eine Information ergänzen, einen Kollegen fragen und danach weiterarbeiten. Modelle wie Claude sind gut genug geworden, dass das im Alltag funktioniert. Für Abläufe mit vielen Sonderfällen ist das ein echter Fortschritt.

Zwei Dinge gehören dazu. Ein Agent braucht klare Grenzen, also nur die Werkzeuge und Berechtigungen, die er wirklich benötigt. Und alles, was Geld bewegt oder nach außen geht, bekommt eine menschliche Freigabe. Der Ablauf wird dadurch nicht langsamer, denn die Vorarbeit ist ja schon erledigt.

Wo die Plattformen an ihre Grenzen kommen

So gut die Werkzeuge sind, es gibt Stellen, an denen sie nicht weiterkommen.

Ein System hat keine brauchbare Schnittstelle. Gerade ältere Branchensoftware und Anwendungen, die im eigenen Netz laufen, sind in keinem Katalog fertiger Verbindungen enthalten.

Die Logik wird zu komplex. Preisberechnungen mit vielen Abhängigkeiten, Planungs- und Optimierungsaufgaben oder Auswertungen über große Datenmengen lassen sich als Kette aus Kästchen zwar bauen, aber kaum noch pflegen und schon gar nicht sinnvoll testen.

Die Menge wird zu groß. Plattformen rechnen pro Vorgang ab. Was bei zweihundert Rechnungen im Monat günstig ist, wird bei zweihunderttausend Vorgängen zu einem Kostenfaktor.

Es geht um besonders sensible Daten oder um harte Antwortzeiten. Oder es fehlt eine echte Testumgebung für einen Ablauf, an dem der Betrieb hängt.

Das ist kein Argument gegen Automatisierungsplattformen. Es ist nur der Punkt, an dem ein einzelner Schritt anders gebaut werden muss.

Genau dort beginnt individuelle Softwareentwicklung

Wenn eine Plattform an einer Stelle nicht weiterkommt, muss nicht der ganze Ablauf ersetzt werden. Es reicht, dieses eine Stück selbst zu bauen und sauber anzubinden.

Wir schreiben dann zum Beispiel eine eigene kleine API, die in einem Docker-Container läuft und die Verbindung zu einem System herstellt, für das es keinen fertigen Baustein gibt. Der Workflow ruft sie wie jeden anderen Schritt auf und merkt nichts von der Komplexität dahinter.

Wir bauen eine eigene Anwendung oder Oberfläche dort, wo Mitarbeitende täglich arbeiten und ein generisches Formular nicht ausreicht, etwa für die Prüfung und Freigabe aus dem Beispiel oben.

Wir setzen komplexe Berechnungen und Algorithmen als eigenen Dienst um, in Python oder Go, mit automatisierten Tests und einer Versionierung, auf die man sich verlassen kann.

Und wir übernehmen Schritte, die in großer Menge laufen, weil ein eigener Dienst pro Vorgang oft nur einen Bruchteil kostet.

Das Ergebnis ist eine Arbeitsteilung, die sich in der Praxis bewährt hat. Die Plattform bleibt das sichtbare Rückgrat, in dem der Ablauf für alle nachvollziehbar ist. Die schwierigen Teilstücke stecken in eigenen Diensten, die über Webhooks und APIs eingebunden sind. Sie behalten die Übersicht und die Geschwindigkeit der Plattform und haben trotzdem keine Grenze bei dem, was fachlich möglich ist.

Wie ein sinnvoller Einstieg aussieht

Fangen Sie mit einem einzigen Prozess an, der oft vorkommt, klar beschrieben ist und heute Zeit kostet. Rechnungseingang, Angebotsanfragen, Onboarding neuer Mitarbeitender oder die Pflege von Leads im CRM sind gute Kandidaten.

Messen Sie vorher die Dauer des Ablaufs und seine Häufigkeit. Ohne diese Zahlen bleibt der Nutzen der Automatisierung später eine reine Behauptung.

Bauen Sie die erste Version bewusst mit menschlicher Freigabe an der entscheidenden Stelle. Wenn nach ein paar Wochen sichtbar ist, dass die Erkennung stabil läuft, können Sie die Freigabe für eindeutige Fälle zurücknehmen und nur die Ausnahmen vorlegen lassen.

Und bestimmen Sie einen Verantwortlichen für den Ablauf. Automatisierte Prozesse brauchen Pflege, weil sich Systeme, Formate und Zuständigkeiten ändern. Ein Ablauf, für den sich niemand verantwortlich fühlt, fällt irgendwann aus und niemand merkt es rechtzeitig.

Fazit

Automatisierungsplattformen wie n8n, Zapier und Make haben die Einstiegshürde für Prozessautomatisierung stark gesenkt. Abläufe werden sichtbar, Fachbereiche können mitreden und erste Ergebnisse entstehen in Tagen statt in Monaten. Zusammen mit KI-Modellen und Agenten lassen sich damit heute Aufgaben abgeben, die vor zwei Jahren noch Handarbeit waren.

Die Grenze dieser Werkzeuge ist real, aber sie ist kein Hindernis. Sie ist die Stelle, an der individuelle Softwareentwicklung ansetzt. Aus beidem zusammen entsteht der eigentliche Wert, also ein sichtbares Rückgrat für den Prozess und maßgeschneiderte Bausteine überall dort, wo der Standard nicht reicht.

Frisst einer Ihrer Prozesse zu viel Zeit? Sprechen Sie mit uns. Wir schauen uns den Ablauf an und sagen Ihnen ehrlich, welcher Teil sich mit einer Plattform lösen lässt und welcher Teil eigene Software braucht. Anschließend bauen wir beides.

Ihr nächstes Projekt beginnt mit einem Gespräch

Ob Prozessautomatisierung, individuelle Software oder eine API-Schnittstelle: In 30 Minuten klären wir, was möglich ist, was es kostet und wie schnell es geht.

Sie sprechen direkt mit einem Entwickler, der Ihr Vorhaben technisch einordnen kann. Danach wissen Sie, wie eine Umsetzung aussehen würde und woran Sie bei Zeit und Budget sind.

Persönliches Erstgespräch bei Jannex