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Der Weg zur vollautomatisierten Kanzlei

· 8 Minuten Lesezeit
Alexander Röse
Softwareentwickler

Einzelne KI-Chats sparen in der Kanzlei kaum Zeit

Der Umgang mit KI sieht in vielen Kanzleien heute so aus. Für jeden Vorgang öffnet der Anwalt einen neuen Chat, kopiert den Sachverhalt hinein, wartet auf die Antwort und kopiert sie zurück in die Akte. Beim nächsten Fall beginnt dasselbe von vorn. Am Abend sind dreißig Chats offen und bei der Hälfte weiß niemand mehr, welcher zu welcher Akte gehört.

Die Antworten sind dabei gut. Die Zeitersparnis ist es nicht. Wer den Chat als Arbeitsplatz benutzt, bleibt der Taktgeber für jeden einzelnen Schritt. Er muss jeden Vorgang selbst anstoßen, jeden Zwischenstand selbst weitertragen und jedes Ergebnis selbst ablegen. Die Arbeit verschiebt sich nur vom Schreiben zum Kopieren. Genau an diesem Punkt hören die meisten Kanzleien mit KI wieder auf.

Vollautomatisierung bedeutet das Gegenteil davon. Die Abläufe lösen sich selbst aus und der Anwalt entscheidet nur noch dort, wo wirklich eine Entscheidung nötig ist. Das ist eine Richtung und kein Zustand, den man an einem Tag erreicht. Der Weg dorthin folgt aber immer derselben Reihenfolge. Zuerst wird zerlegt, dann werden Bausteine gebaut und am Ende werden sie verkettet.

Erst zerlegen, dann automatisieren

Der häufigste Fehler ist der Versuch, den eigenen Arbeitstag eins zu eins in ein Werkzeug zu übertragen. "Das mache ich gerade so im Chat, also soll die Automatisierung das genauso machen." So funktioniert es nicht.

Deshalb steht am Anfang die Zerlegung. Nehmen Sie einen echten Vorgang aus Ihrer Kanzlei und schreiben Sie auf, was tatsächlich passiert. Eine Mail der Gegenseite kommt an. Jemand liest sie. Jemand sucht das Aktenzeichen. Jemand ordnet sie der Akte zu. Jemand entscheidet, wer zuständig ist. Jemand liest den Inhalt fachlich. Jemand formuliert eine Antwort. Jemand prüft die Antwort. Jemand versendet sie. Jemand legt sie ab. Jemand trägt die Zeit ein.

Aus einem gefühlt einzigen Vorgang werden so zehn Schritte. Manche davon sind reine Mechanik und manche sind juristische Arbeit. Erst diese Trennung zeigt, was überhaupt automatisierbar ist.

Jeder Schritt wird ein eigener Baustein

Im nächsten Schritt wird aus jedem dieser Punkte ein eigener Baustein. Ein Baustein hat einen klaren Auslöser, eine klare Aufgabe und ein klares Ergebnis. Er weiß nichts über den Rest der Kette.

Für den Posteingang sieht das zum Beispiel so aus. Der erste Baustein liest eine neue Nachricht und ordnet sie einer Akte und einem zuständigen Anwalt zu. Der zweite Baustein liest den Inhalt und erstellt einen Antwortentwurf oder einen Gegenvorschlag. Der dritte Baustein nimmt die Anmerkungen des Anwalts entgegen und arbeitet sie in einen neuen Entwurf ein. Der vierte Baustein versendet das freigegebene Schreiben und legt es in der Akte ab.

Diese Trennung hat drei praktische Vorteile. Jeder Baustein lässt sich einzeln testen, weil man ihm einfach fünfzig alte Nachrichten vorwirft und das Ergebnis anschaut. Jeder Baustein lässt sich einzeln austauschen, etwa wenn ein besseres KI-Modell erscheint oder sich eine Vorlage ändert. Und jeder Baustein lässt sich mehrfach verwenden, denn die Zuordnung zu einer Akte braucht man im Posteingang genauso wie beim beA und beim Telefonprotokoll.

Die Bausteine greifen ineinander wie Zahnräder

Jeder dieser Bausteine ist für sich eine Teilautomatisierung und braucht weiterhin jemanden, der ihn anstößt. Der Gewinn entsteht erst durch die Verkettung.

Dafür wird das Ergebnis eines Bausteins zum Auslöser des nächsten. Der eingegangene Mandantenbrief löst die Aktenzuordnung aus. Die fertige Zuordnung löst den Antwortentwurf aus. Die Freigabe des Entwurfs löst den Versand aus. Der Versand löst den Zeiteintrag aus.

Die Auslöser sind dabei technisch unspektakulär. Eine Automatisierungsplattform wie n8n schaut in festen Abständen in ein Postfach, reagiert auf einen eingehenden Aufruf von außen oder startet zu einer festen Uhrzeit. Niemand muss mehr auf einen Knopf drücken, damit der nächste Schritt passiert.

Das Web-Interface hält die Kette zusammen

Sobald mehrere Ketten parallel laufen, brauchen die Anwälte einen Ort, an dem alles zusammenkommt. Genau das bauen wir in diesen Projekten meistens als eigenes Web-Interface.

Im Zentrum stehen dabei Aufgaben. Alles, was die Kanzlei verlässt, wird nicht automatisch verschickt, sondern landet als Aufgabe beim zuständigen Anwalt. Das gilt für jede Mandantenmail, für jeden Gegenvorschlag und für jedes rechtliche Dokument. Der Anwalt sieht den Entwurf, den Anlass und die zugehörige Akte auf einem Bildschirm. Er akzeptiert, ändert oder lehnt ab.

Das Annehmen einer Aufgabe ist dann selbst wieder ein Auslöser. Mit dem Klick auf Akzeptieren startet der nächste Baustein. Der Anwalt arbeitet eine Liste ab, anstatt zwischen Tabs zu springen. Wenn die Kanzleisoftware eine offene Schnittstelle hat, wie zum Beispiel jur|nodes, werden diese Aufgaben direkt dort angelegt und die Kanzlei braucht gar keine zweite Oberfläche.

Ein Vorgang von der Mail bis zur Ablage

Wie das im Alltag aussieht, zeigt ein durchgehendes Beispiel. Kurz nach neun kommt die Anfrage eines neuen Mandanten per Mail.

Der Abruf des Postfachs findet die Nachricht und startet die Kette. Der erste Baustein erkennt, dass es zu dieser Absenderadresse noch keine Akte gibt. Er legt eine neue Akte mit den Stammdaten des Mandanten an und hängt den Anhang daran. Der zweite Baustein bestimmt anhand des Rechtsgebiets die zuständige Anwältin. Der dritte Baustein schickt dem Mandanten sofort eine Eingangsbestätigung mit der Information, wer den Fall übernimmt. Der vierte Baustein erstellt einen Antwortentwurf mit den Rückfragen, die in diesem Rechtsgebiet üblicherweise fehlen. Der fünfte Baustein legt daraus eine Aufgabe für die Anwältin an.

Gegen halb zwölf öffnet die Anwältin ihre Liste. Sie sieht die neue Akte, den Sachverhalt in drei Sätzen und den fertigen Entwurf. Sie streicht zwei Fragen, ergänzt eine dritte und klickt auf Akzeptieren. Damit läuft die Kette weiter. Die Mail geht raus, der Entwurf wandert in die Akte, eine Wiedervorlage in sieben Tagen entsteht und der Zeiteintrag ist vorbereitet.

Vorher hätte dieser Vorgang ein Dutzend manuelle Handgriffe bedeutet. Jetzt sind es zwei Minuten juristische Prüfung.

Warum eigener Code effizienter ist als ein Chat mit MCP-Servern

Der naheliegende Einwand lautet, dass ein Chat mit angebundenen MCP-Servern dasselbe könnte. Ein Sprachmodell greift dabei über solche Server direkt auf Postfach, Kalender und Kanzleisoftware zu. Technisch stimmt das auch. Für wiederkehrende Abläufe ist es trotzdem der schlechtere Weg.

Ein Chat entscheidet bei jedem Durchlauf neu, welche Werkzeuge er in welcher Reihenfolge benutzt. Das ist genau dann stark, wenn die Aufgabe jedes Mal anders aussieht. Bei der zweihundertsten Deckungsanfrage im Monat ist es das Gegenteil von hilfreich. Derselbe Vorgang läuft unterschiedlich ab, kostet jedes Mal viele Token und dauert deutlich länger als nötig. Nachvollziehen lässt sich hinterher wenig.

Fest programmierter Code macht denselben Schritt jedes Mal identisch. Er ist schneller, billiger und bei einem Fehler zeigt das Protokoll genau die Zeile, an der es geklemmt hat. Deshalb verteilen wir die Arbeit. Das Sprachmodell übernimmt die Schritte, die Sprachverständnis brauchen, also Zusammenfassen, Einordnen und Formulieren. Alles andere erledigt normaler Code, also Daten holen, Felder füllen, Regeln prüfen und Dokumente ablegen.

Wo dieser Weg Aufwand und Grenzen hat

Diese Architektur ist teurer im Aufbau als ein Chatfenster. Die Zerlegung, die Bausteine und das Interface sind echte Softwareentwicklung. Der erste Ablauf rechnet sich deshalb erst nach einigen Monaten. Ab dem zweiten und dritten Ablauf dreht sich das Verhältnis, weil ein großer Teil der Bausteine schon da ist.

Eine verkettete Automatisierung braucht außerdem Pflege. Ändert sich eine Vorlage oder eine Schnittstelle, steht ein Zahnrad still und mit ihm die ganze Kette dahinter. Dafür braucht es eine Überwachung, die sofort meldet, wenn ein Baustein nicht mehr läuft. Und es braucht eine verantwortliche Person in der Kanzlei.

Es gibt auch Vorgänge, die sich nicht in Bausteine zerlegen lassen. Ein Mandantengespräch mit einer strategischen Weichenstellung gehört dazu, genauso wie der ungewöhnliche Sachverhalt, den es so vorher noch nicht gab. Diese Fälle sollen gar nicht erst in die Kette. Sie werden sauber als Ausnahme erkannt und landen direkt beim Anwalt.

Und Vollautomatisierung heißt nie, dass niemand mehr hinschaut. Fristen und rechtliche Bewertungen bleiben beim Menschen.

Wie Sie in der eigenen Kanzlei anfangen

Suchen Sie sich einen einzigen Vorgang mit hoher Häufigkeit aus und zerlegen Sie ihn vollständig auf Papier. Dieser Schritt kostet einen Nachmittag und entscheidet über den Erfolg des ganzen Projekts.

Bauen Sie danach nur die zwei oder drei Bausteine, die in diesem Vorgang den meisten Handbetrieb ersetzen. Lassen Sie sie ein paar Wochen mit einer Freigabe an jeder Stelle laufen. Erst wenn Sie die tatsächliche Trefferquote kennen, verketten Sie die Bausteine und nehmen die Freigaben dort heraus, wo die Ergebnisse eindeutig sind.

Achten Sie schon beim ersten Baustein darauf, wo die Daten liegen. Mandantendaten gehören auf einen Server in Deutschland oder in der EU. Wie Verschwiegenheit, Auftragsverarbeitung und die Wahl des KI-Anbieters dabei zusammenspielen, haben wir in unserem Beitrag zur Automatisierung in der Kanzlei ausführlich beschrieben.

Möchten Sie wissen, wie weit sich ein bestimmter Ablauf in Ihrer Kanzlei zerlegen lässt? Schreiben Sie uns. Wir gehen den Prozess mit Ihnen und Ihrem Team durch und sagen Ihnen ehrlich, welche Schritte sich lohnen und welche besser von Hand bleiben.

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